Deutsche Marineflieger: wird aus Orion Poseidon???

 P-8A Poseidon -Foto: US-Navy

 

US-Außenministerium genehmigte möglichen Verkauf von P-8A Flugzeugen nach Deutschland

In die Nachfolgeplanungen des Seefernaufklärers P-3C Orion scheint Bewegung zu kommen. Die Defense Security Cooperation Agency (DSCA), so etwas wie die VEBEG (das Verwertungsunternehmen des Bundes) der US Streitkräfte, gab am 12. März 2021 bekannt, dass das Außenministerium eine Entscheidung über die Genehmigung eines möglichen Auslandsverkaufs von P-8A Poseidon-Flugzeugen an die deutsche Regierung getroffen hat. Die Verkaufssumme der fünf P-8A Poseidon wird mit 1,77 Milliarden US Dollar (1,5 Milliarden Euro) angegeben. Der Handel soll als Foreign Military Sale erfolgen. Ebenfalls am 12. März wurde der US Kongress von der Defense Security Cooperation Agency über den möglichen Verkauf informiert.

Laut DSCA sind in der beabsichtigten Lieferung Kommunikationssysteme (einschließlich Datenverbindungen) über UKW, UHF, HF und SATCOM, darunter das Multifunktionsverteilungssystem Joint Tactical Radio Systems 5 (MIDS JTRS 5) sowie LN-251 mit integriertem globalen Positionierungs- (GPS) und Trägheitsnavigationssystemen (INS) enthalten.

Bei der P-8A Poseidon handelt es sich um ein modernes maritimes Patrouillenflugzeug. Das Flugzeug basiert auf dem bewährten Design der Boeing 737-800 mit Tragflächen der 737-900. Die Militarisierung des kommerziellen Trägers umfasst neben dem Bombenschacht und den Waffenstationen (zur Aufnahme von Torpedos und Luft-See-Flugkörpern) sowie den Führungs- und Waffeneinsatzsystemen Verstärkungen des Rumpfes, um Operationen in niedriger Höhe und höhere Querbeschleunigungsbelastungen zu ermöglichen. Die US Navy übernahm im Mai 2020 ihre 100. Poseidon, nachdem sie 2013 das erste Exemplar in Dienst stellte. Sie wird in Norwegen und im Vereinigten Königreich eingesetzt. Darüber hinaus gehören Australien, Indien, Neuseeland und Südkorea zum Kundenkreis der P-8 Poseidon.

Die Nachricht aus Washington könnte der Bundesregierung in ihrer Absicht, weiter unterbrechungsfrei mit der Außerdienststellung der P-3C Orion – voraussichtlich bis zum Jahr 2025 – ein neues Waffensystem bereitzustellen, weiterhelfen. Diese bekundete sie in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion des Deutschen Bundestages vom 23. September 2020.

Mit dem Wegfall der P3-C Orion entstünde eine Fähigkeitslücke

Der Schritt, zum Abbruch der Modernisierung der P3-C Orion wurde notwendig, da die Kosten aus dem Ruder gelaufen sind, wie der Bundesrechnungshof 2019 rügte. Folgerichtig kam es im Juni 2020 zur Entscheidung, die 2004 als Schnäppchen erworbenen Maschinen schon 2025 und nicht erst 2035 außer Dienst zu stellen (nachzulesen im 12. Rüstungsbericht des Verteidigungsministeriums vom Dezember 2020). Gleichzeitig wurde die Suche nach einer Übergangslösung eingeleitet. Denn auf die Seefernaufklärung und die Fähigkeit zur weitreichenden U-Bootjagd aus der Luft soll nicht verzichtet werden. Die Vorbereitung der Entscheidungsfindung von der politischen bis zur taktischen Ebene erfordert zwingend sowohl national als auch im Bündnis ein umfassendes und zuverlässiges maritimes Lagebild. Der Seefernaufklärer trägt hierzu bei und stellt sicher, dass politische Entscheidungen zum Einsatz insbesondere maritimer Kräfte auf einer hinreichenden und umfänglichen Informationsgrundlage getroffen werden können. Darüber hinaus sind maritime Aufklärung und Überwachung Planungsprioritäten der Allianz, ergänzt um die im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung stattfindende Intensivierung der Fähigkeit zur U-Bootjagd. Angesichts der Bedrohungsperzeption, in der Russland aufgrund seiner politischen Positionierung und seiner militärischen Fähigkeiten eine maßgebliche Rolle spielt, erschiene die Aufgabe der Fähigkeiten nicht plausibel. Ebenso wenig in einer europäischen Betrachtung: Partner wie Finnland und Schweden reagieren auf die Bedrohungslage mit Verstärkungen ihrer Verteidigungsbudgets, Schweden überlegt die Wiedereinführung der Wehrpflicht. In Dänemark kamen im Februar 2021 Regierung und die anderen im Folketing vertretenen Parteien überein, die dänischen Verteidigungsfähigkeiten „zur Überwachung und Kontrolle der ständig wachsenden Aktivitäten” in der Arktis und im Nordatlantik „erheblich zu stärken“. Hierzu sollen 202 Millionen Euro aufgebracht werden und zusätzlich 40 Millionen Euro für die laufenden jährlichen Kosten.

Freisteller-p-3c-orion – Copyright: Deutsche Marine

Doch nicht mit dem Fazit aus einer Bedrohungsanalyse rechtfertigt sich ein Festhalten an der Fähigkeit der Seefernaufklärung. Mit ihren Möglichkeiten zur weiträumigen Aufklärung erweitern sie den Baukasten maritimer Seekriegsmittel. Angesichts der kleiner gewordenen Flotte ermöglicht der Rückgriff auf den Seefernaufklärer die deutsche Teilnahme an internationalen Operationen zur See. Dies haben die P3-C Orion in der Vergangenheit mit ihren Beiträgen bei der EUNAVORMED Operation Irini, Atalanta unter Beweis gestellt. Wobei Deutschland trotz seines Gewichtes und der Bedeutung der Seewege für die Abwicklung seines Handels bei manchem internationalen Engagement fehlt: EMASOH, die europäische Initiative für maritime Sicherheit um die Straße von Hormus sowie die Initiative zur Eindämmung der Piraterie im Golf von Guinea, um nur zwei Beispiele zu nennen.

„Symbol für einen Neustart“ – in alle Richtungen erforderlich

Die im Grunde gute Nachricht aus den USA kommt einige Tage nach der Einigung zwischen Washington und Brüssel, die Strafzölle, die gegenseitig wegen der Subventionen für Airbus und Boeing verhängt wurden, für die nächsten vier Monate auszusetzen. Die Welthandelsorganisation hatte in der Vergangenheit die unrechtmäßigen Subventionen in Milliardenhöhe mehrfach kritisiert. 2019 erlaubte sie den USA Strafzölle auf Einfuhren der EU, 2020 durfte die EU die Importe aus den USA belasten.

Auf französischer Seite wird die Interimslösung mit der Befürchtung verfolgt, Deutschland sei im Begriff, das gemeinsame Patrouillenflugzeugprojekt zu torpedieren. Als wären die Unstimmigkeiten bei FCAS/SCAF (Future Combat Air System) nicht genug, soll nun nicht auch noch das neben dem gemeinsamen Panzer das dritte deutsch-französische Leuchtturmprojekt MWAS (Maritime Airborne Warfare System), das ab 2030 die deutschen und französischen Seepatrouillenflugzeuge ersetzen soll, ins Schlingern geraten. Eine Tageszeitung kommentiert unter der irreführenden Interpretation, Berlin hätte Paris den Rücken zugedreht und sich für eine Zusammenarbeit mit den USA entschieden: nun hieße es ‚boire la tasse‘ – etwa so viel wie ‚fällt ins Wasser‘, ‚… geht baden‘. Erschwerend kommt hinzu, dass das Projekt beim deutsch-französischen Verteidigungsrat vom 5. Februar 2021 keine Erwähnung fand. Eine Tatsache, die jenseits des Rheins wohl vermerkt wurde.

MAWS zielt darauf ab, einen Nachfolger für die 22 ATL-2 der französischen Marine und die 8 Lockheed P-3C Orions der deutschen Marineflieger zu finden. Der Zulauf der deutschen MAWS ist ab dem Jahr 2032 beabsichtigt (aus der Antwort der Bundesregierung auf die oben zitierte Kleine Anfrage). Nach den Erfahrungen bei der Einführung des NH 90 – umfassende Einsatzprüfung – könnte MAWS wohl nicht vor 2035 der Truppe zur Verfügung stehen. Dies unterstreicht dann auch die Wichtigkeit der Interimslösung. Nicht nur wegen möglicher Bedrohungsszenare, sondern auch – und vielleicht gerade – wegen des Einbringens in internationale Initiativen (NATO, EU, UN, …) ist ein bruchfreier Erhalt der mit einem Seefernaufklärer einhergehenden Fähigkeiten für Deutschland erforderlich.

Über die Finanzierung der Zwischenlösung gibt es zurzeit keine stichhaltigen Anhaltspunkte. Für das Haushaltsjahr 2021 stehen dem Verteidigungsministerium im Titel 554 13 032 Haushaltsmittel in Höhe von 1,154 Milliarden Euro für die Beschaffung von Flugzeugen, Flugkörpern … und sonstigem flugtechnischen Gerät zur Verfügung. Hier scheint bisher das Geld zu fehlen, womit die Hoffnungen auf den Verhandlungen zwischen Bendlerblock und dem Finanzministerium zur weiteren Ausgestaltung des Einzelplanes 14 ruhen.  Auch, was die erwähnten Studien betrifft. MAWS gehört, anders als FCAS/SCAF und MGCS (Main Ground Combat System) nicht zu den wesentlichen finanzwirksamen Schwerpunkten des Kapitels 1404 – Wehrforschung, Entwicklung und Erprobung. Unklar ist an dieser Stelle zurzeit ebenso, wie mit den bereits angestoßenen Untersuchungen verfahren wird.

Laut dem oben zitierten Rüstungsbericht vom Dezember 2020 sollten zwei Optionen in einer Wirtschaftlichkeitsuntersuchung weiter betrachtet werden: Boeing P-8A Poseidon und RAS 72 MPA. Bei letzterer handelt es sich um eine militarisierte ATR 72, eines Regionalverkehrsflugzeuges aus französisch-italienischer Herstellung (Avions de Transport Régional). Ein Entscheidungszeitpunkt konnte zum Erscheinungsdatum des Rüstungsberichts noch nicht konkretisiert werden.

Mit der möglichen Entscheidung für eine US Interimslösung sendete Berlin ein klares Zeichen über den Atlantik. Der Weg dürfte wegen des sich beilegenden Subventionsstreits frei sein. Gleichzeitig darf nun, soll der deutsch-französischen Lokomotive nicht schon bei der Anfahrt der Dampf ausgehen, ein Signal an die Seine nicht fehlen. Im deutschen Verständnis, ausweislich der Beantwortung der oben zitierten Kleinen Beantwortung, hat die Interimsbeschaffung keine Auswirkungen auf das deutsch-französische Projekt MAWS. Dies gälte es, gegebenenfalls mit der haushälterischen Verankerung der Studie zu untermauern. Die Kritik, sich nicht europäisch genug zu verhalten, wird man einstecken müssen. Andererseits hatte Airbus im Modernisierungsvorhaben der P3-C Orion seine Chancen nicht genutzt. Und mit Blick auf Bewaffnung könnten auch europäische Hersteller ihre Duftmarken setzen. Deutsche Zulieferer sind an der P-8A Poseidon beteiligt. Unter anderem die Aircraft Philipp Group, Karlsruhe sowie die Aljo Aluminium-Bau Jonuscheit GmBH, Berne.

 

 

Illustration P-3C Orion: https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/p-3c-orion-seefernaufklaerer

P-8A Poseidon: https://esut.de/2020/04/fachbeitraege/ruestung/19555/wachwechsel-im-bereich-maritime-patrol-aircraft/

https://esut.de/2020/05/meldungen/20567/u-s-navy-erhaelt-100ste-p-8a-poseidon/

 

Veröffentlicht unter:
Von: Hans Uwe Mergener

Hans Uwe Mergener

Hans Uwe Mergener
Kapitän zur See a.D.

Redakteur Marine Europäische Sicherheit und Technik

Korrespondent Brüssel für Pol-Mil-Angelegenheiten

Beethovenallee 21 (Sitz der Redaktion)

53173 Bonn

Tel. mobil: +49 (0) 173 848 1287
Fax +49 (0) 228 3500 871
Hans-Uwe.Mergener@mittler-report.de
www.esut.de

Mittler Report Verlag GmbH
Geschäftsführer: Peter Tamm, Thomas Bantle

Sitz der Gesellschaft: Bonn

Ein Unternehmen der TAMMMEDIA
Amtsgericht: Bonn HRB 18658

 

Persönliche Daten
Name Hans Uwe Mergener
Adresse Avenue des Lilas 53

1410 Waterloo

Belgien

Telefon +32 2 770 72 76
Mobil +49 173 848 1287
E-Mail hans-uwe.mergener@crew7-74.de
Geburtsdatum / -ort 13.10.1955 Völklingen
Familienstand verheiratet
Beruflicher Werdegang
09/2018 – Heute

 

Redakteur Marine – Europäische Sicherheit und Technik

Mittler Report Verlag GmbH

07/2016 – Heute Pensionär
April 2017 Reservistendienstleistung als Verteidigungsattaché

Botschaft der Bundesrepublik, Seoul, Südkorea

01/2013 – 06/2016 Bundesgeschäftsführer

Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V.

·     Führung der 280 hauptamtlichen Mitarbeiter/innen in mehr als 100 Geschäftsstellen bundesweit

·      Beratung der Führungsgremien des Verbandes

07/1974 – 12/2012 Marineoffizier

Letzter Dienstgrad Kapitän zur See

·     Stellvertretender Kommandeur im Standortkommando Berlin. 2010 – 2012

·     Verteidigungsattaché an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Pretoria/Südafrika. Verantwortlich für Südafrika, Botswana, Lesotho, Namibia und Simbabwe, 2007 – 2010

·     Referent für Marinerüstung, Grundsatzangelegenheiten Rüstungswesen (CPM 2001) und parlamentarische Angelegenheiten im Büro Staatssekretär Dr. Eickenboom, BMVg, Berlin, 2002 – 2004

·     Referententätigkeit in NATO, EU und BMVg

Schwerpunkte: Grundlagenarbeit in strategischer und operativer Planung, Streitkräfteplanung (NATO, EU, Operationsplanung und –durchführung, Integration nationaler Verbände in internationale Strukturen, Zusammenarbeit NATO – EU (Verwendung EU Militärstab, 2001-2002)

·     Schnellbootflottille, 1978 – 1992. Wachoffizier, Kommandant, Stellvertretender Geschwaderkommandeur

Ausbildung
07/1974 – 09/1979

10/1981 – 10/1982

Marineoffiziersausbildung

 

Versch. Marineschulen, Schulschiffe

Schwerpunkte:

·     Schiffseinsatz, Operation

·     Menschenführung

10/1975 – 03/1979 Studium Diplompädagogik

Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg

·     Berufspädagogik, Soziologie, Nebenfach: Politikwissenschaft

·     Abschluß: Diplom

Diplomarbeit: Integration von körperlich behinderten Kindern

09/1966 – 06/1974 Schulbildung

Albert-Einstein-Gymnasium (ehm Realgymnasium) Völklingen

Abschluß: Abitur (neusprachlich)

Weiterbildung
01/2007 – 09/2010 Executive National Security Programme

South African Defence College, Pretoria, Südafrika

Bestpreis Studienabschnitt ‚National Security Theory‘

09/1989 – 12/1990 Admiralstabsausbildung

Ecole Supérieure de Guerre Navale

Cours Supérieur Interarmé

Ecole Militaire, Paris, Frankreich

Kenntnisse
Sprachkenntnisse Englisch (fließend in Wort und Schrift)

Französisch (fließend in Wort und Schrift)

Afrikaans (fließend in Wort und Schrift)

Italienisch, Spanisch (Grundkenntnisse)

EDV-Kenntnisse Microsoft Office (sehr gut)
Führerscheine und

andere Nachweise

Klasse B, CE1

Sportpilotenschein mit Nachtflugberechtigung, UL-Schein

Sportbootführerscheine Binnen und See, Sporthochseeschifferschein

Interessen
Allgemein Lesen

Sport (aktiv: Tennis; früher: Leichtathletik, Basketball, Moderner Fünfkampf)

Sicherheitspolitik

Marine

Reisen

Hobbys Motorbootfahren

Fotografie

Bis 2017: Sportfliegerei (UL sowie Sportflugzeuge; 800+ Flugstunden

Waterloo, 1. März 2020

Hinterlassen Sie einen Kommentar





  • Newsletter abonnieren

    Immer die aktuellsten Nachrichten automatisch in Ihrem E-Mail-Postfach!

    Mit Absenden der Anmeldung akzeptiere ich die Datenschutzvereinbarung.
  • Kommende Veranstaltungen

    1. Im Dialog mit Militärattachés

      3. Mai
    2. Wirkung und Schutz

      14. Juni bis 15. Juni
    3. Wirkung und Schutz #neu

      14. Juni bis 15. Juni