Peter Swartz wird für seine herausragenden Verdienste um maritimes strategisches Denken geehrt

Sebastian Bruns, Sarandis Papadopoulos (Eds.) Conceptualizing Maritime & Naval Strategy. Festschrift for Captain Peter M. Swartz, United States Navy (ret.); ISPK Seapower Series (Institut für Sicherheitspolitik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) und NOMOS Verlag Baden-Baden, 2020, 373 p, € 79,00

Am 27.10.2020 veranstalteten die beiden Herausgeber eine virtuelle Konferenz, um Peter Swartz neben der vorliegenden Festschrift für seine herausragenden Verdienste um maritimes strategisches Denken zu ehren (siehe dazu https://youtu.be/5qD-qszCSUo.) Es wurde zu einem weltumspannenden Ereignis und zeigte viele Wegbegleiter, die in der einen oder anderen Weise vom Denken Peter Swartz beeinflusst wurden. John Lehman, ehemaliger Staatssekretär für die U.S. Navy unter Reagan, brachte dies in seinem Buch „Oceans Ventured. Winning the Cold War at Sea“ von 2018 wie folgt auf den Punkt: „I am especially grateful to Capt. (ret.) Peter Swartz, USN, who was a major strategic thinker and adviser to me and to three CNOs. ….He was a strict disciplinarian chastising me and forbidding me to write anything that could not be backed by hard evidence. Without him, this book could not have been written.“ (ebd. p. 285-286) (siehe auch meine Rezension in MarineForum 03-2019, Seite 55). In gewisser Weise schließt sich der Kreis der beiden Herausgeber und des zu Ehrenden, haben doch alle drei Autoren einen umfassenden Beitrag in Teil IV“ Actor perspectives and policy options“ des 2016 bei Routledge erschienenen „Handbook of Naval Strategy and Security“ geliefert, das von Joachim Krause und Sebastian Bruns herausgegeben wurde.

Achtzehn Autoren aus den USA, der Schweiz, Norwegen, Polen, Japan, Großbritannien, Österreich und Deutschland begleiten im nun vorliegenden Buch den Leser aus maritim-strategischer Sicht von der Zeit des Kalten Krieges über ein Zeitalter der Interventionen bis hin zur heutigen Rückkehr zur möglichen künftigen Auseinandersetzung mit maritimen Großmächten. Ohne die Qualität der einzelnen Aufsätze herabzuwürdigen, sollen hier nur einige einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

Geoffrey Till, den man zu Fragen maritimer Strategie nicht gesondert vorstellen muss, lässt in seinem Aufsatz „The Accidental Dialectic: The Real World and the Making of Maritime Strategy Since 1945“ die Entwicklungen maritimen strategischen Denkens nach dem Zweiten Weltkrieg vor den Augen des Lesers Revue passieren. Till verweist zu Recht auf eine Tendenz der 50er bis 70er Jahre hin, wo man glaubte, dass sich eine maritime Strategie nur an den Fähigkeiten des Gegners ausrichten müsse und dabei unberücksichtigt ließ, das Denken eigener Freunde und Alliierter im eigenen Sinne positiv zu beeinflussen. Verändertes strategisches Denken in NATO (flexible response), aber auch die negativen Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg führten in der Folge bei der U.S. Navy zu innovativen Gedanken, die ihren Ausdruck in der „Maritime Strategy“ Mitte der 80er Jahre fand. Und einer dieser Väter war Peter Swartz. Änderungen an dieser Strategie erfolgten aufgrund Begrenzungen der Verteidigungshaushalte und technologischer Entwicklungen. Hier stellt Till in der Rückschau fest, dass diese Technologien nie so entscheidend waren, wie von ihren Protagonisten behauptet. Dies gelte in der Folge auch für die derzeitigen Vorstellungen zu Anti-Access und Area Denial (A2/AD). Abschließend stellt Till fest, dass die Entwickler heutiger Strategien neben technologischen Möglichkeiten sehr viel stärker soziale, wirtschaftliche und politische Aspekte in ihren Überlegungen berücksichtigen müssten.

James Henry Bergeron, der interessanterweise nicht in der Übersicht der Autoren aufgelistet ist, hat ein Kapitel zur Abschreckung und ihrer maritimen Dimension in der NATO beigetragen, die 2020 mit Blick auf Russland erneut von großer Bedeutung sein dürfte. Da in der NATO die Diskussionen seit 2018 sich mehr um die Frage nach dem Umfang konventioneller Mittel zur Abschreckung einer hybriden Bedrohung durch wiedererstarkte russische Streitkräfte drehen, stellt Bergeron einleitend die Grundsatzfrage, was Abschreckung bedeutet. Sie stelle vorranging eine Wirkung dar, um den Gegner von der Durchführung von Maßnahmen abzuhalten und nicht von dessen Absichten. Es geht somit um die jeweilige Perzeption. Dieses Denken sei bei den NATO Mitgliedsstaaten nach dem Fortfall des Warschauer Paktes und dem Zusammenbruch der Sowjetunion leider bei aktiven Soldaten und heutigen Politikern vielfach abhandengekommen. Er beleuchtet dann die Möglichkeiten des heutigen Putin Russland und versucht Antworten auf die Fragen nach einer Nichtabschreckung durch Russland, einer Abschreckung Russlands vom Einsatz konventioneller Streitkräfte oder hybriden Einsatzformen zu geben. Bei der möglichen künftigen Abschreckung der NATO hebt er dann die besondere Bedeutung von Seestreitkräften hervor und votiert dazu, die im Kalten Krieg genutzte Form des routinemäßigen Einsatzes von Schiffsverbänden im Schwarzen Meer, der Ostsee und im Nordatlantik und dem Nordmeer wieder aufzunehmen.

Peter D. Haynes, unter anderem Autor des 2015 beim USNI erschienen Buches „Toward a New Maritime Strategy. American Naval Thinking in the Post-Cold War Era“, geht der Frage nach institutionellen Änderungen und deren Treibern im Denken der U.S. Navy in der Zeit der Konkurrenz zweier maritimer Großmächte nach. Für ihn sind heutige Schiffbauraten der VR China vergleichbar einer Situation in den USA, die in den Jahren von 1966-1970 88 Schiffe für die Navy baute, während die sowjetische Marine einen Zulauf von 209 Schiffen verzeichnen konnte. Von daher erinnert Haynes an das Project SIXTY des damaligen CNO Admiral Elmar R. Zumwalt Jr. Zumwalt wurde mit 49 (!) Jahren zum jüngsten CNO der U.S. Navy ernannt, um mit seiner analytischen Denkweise und fordernden Realisierung die Navy zu neuen Ufern zu steuern. Zumwalt wollte neben der nuklearen Abschreckung Sea Control zum wichtigsten Aufgabenbereich der künftigen Navy formen. Hierzu bedurfte er weiterer konzeptioneller Denker, die er gezielt und außerhalb der Hierarchien – auch im Pentagon – um sich scharte, um die als dringend angesehene Reform der Navy an Haupt und Gliedern realisieren zu können. Haynes endet seinen Aufsatz daher wie folgt: „This small and tightly knit cadre of sharp and highly educated officers, among whose number included Peter Swartz (who played a key role in the Maritime Strategy´s development), applied the lessons of Zumwalt´s Project SIXTY and the utility of a strategic capstone document in forging consensus for institutional change to a degree not seen since“ (ebd. S. 109).

Hierzu passt der Aufsatz von Amund Lundesgaard „The Difficult Art of Achieving Military Change: The U.S. Navy after the Cold War“, der sich auf die Formel reduzieren lässt: Von der Sea Control zur Power Projection. Mit dem Wegfall der Sowjetunion und ihrer großen Marine entfiel die Aufgabe der Sicherung der See und ihrer Verbindungswege. Politisch gewollt wandte sich die U.S. Navy der Rolle zu, die sie mit Ihren Trägerkampfgruppen in den zwei Dekaden nach der Auflösung des Warschauer Paktes nahezu unbehindert erfüllen konnte: Eine Machtprojektion von See auf Land zur Durchsetzung politischer Absichten. Die hierzu formulierte Strategie „From the Sea“ von 1992 wurde auch für NATO Marinen als Blaupause für eigene Vorstellungen als Vorbild genutzt. Mit „Anytime, Anywhere“ folgten Überlegungen zum Einsatz in Küstengewässern. Die schnelle Abfolge weiterer strategischer Konzepte wurde erst 2007 durch ein Dokument abgelöst, das den Namen maritime Strategie verdiente: „The Cooperative Strategy for 21st Century Seapower“ (CS 21). Hier wurde der Begriff Maritime Sicherheit als umfassende Aufgabe für die Navy geprägt, der Konfliktverhütung, Schutz von Handelsbeziehungen und vor allem Zusammenarbeit mit anderen Marinen auf der Welt zum Maßstab machte. Mit dem verstärkten Auftreten der VR China folgte dann 2015 die „Cooperative Strategy fort he 21st Century Seapower R“ (CS21R), wobei das R für refresh oder revision steht. Lundesgaard kommt abschließend zu der Feststellung, dass alle revolutionären Papiere und Strategien die Navy nicht (!) in ihrem grundsätzlichen Denken und Handeln verändert hätten.

Sebastian Bruns beschreibt in seinem Beitrag „Conceptualizing and Writing German Naval Strategy“ die Arbeit einer kleinen konzeptionellen Gruppe, die im Auftrag des Inspekteurs Marine außerhalb hierachischer Strukturen ein „Dachdokument Marine“ entwickeln sollte, das auf neue Entwicklungen wie hybride Kriegführung und völkerrechtswidrige Besetzung der Krim eine nach vorne blickende maritime Strategie entwickeln sollte. Ende 2014 eingesetzt, legte diese Gruppe Anfang 2016 ihre Ergebnisse vor. Leider erwuchs dann bei der Administrierung des Papiers unerwarteter Widerstand im BMVg, da parallel die Fertigstellung des neuen Weißbuches 2016 erfolgte. Auf Leitungsebene sah man dann keinen zusätzlichen Bedarf für ein spezifisches Marinepapier. Der Inspekteur Marine rettete den Inhalt durch seine „Wilhelmshavener Erklärung“. Insgesamt für den Leser ein Beispiel, wie gute Absicht und Fertigstellung eines Papiers in den Mühlen der Ministerialbürokratie vom Scheitern bedroht werden kann. Bruns, als Mitglied dieses Teams beschreibt diese Volten sehr anschaulich. Als kleiner Trost kann im November 2020 festgestellt werden, dass die Ideen nun Eingang in ein kürzlich erschienenes Papier des Auswärtigen Amtes für die Bundesregierung mit dem schönen Titel „Leitlinien zum Indo-Pazifik. Deutschland – Europa – Asien. Das 21. Jahrhundert gemeinsam gestalten“ aber auch in die zweite Grundsatzrede der Verteidigungsministerin im November 2020 gefunden haben.

Die Festschrift schließt mit 16 Seiten Biographie von Peter M. Swartz und manifestiert auf beeindruckende Weise das konzeptionelle Wirken des Geehrten über Jahrzehnte in den USA und mehr noch weltweit.

Dieses Buch sollte in die Hände von Politikern, Wissenschaftlern, Offizieren und sicherheitspolitisch interessierten Menschen gelangen und gelesen werden. Den beiden Herausgebern ist hier ein Werk gelungen, das noch lange als Beweis für die fruchtbare Kooperation von Denkern zur Entwicklung maritimer Strategien dienen wird.

Heinz Dieter Jopp Barmstedt, im November 2020

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Von: Heinz Dieter Jopp

Heinz Dieter Jopp

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1 Kommentar

  1. Veröffentlich von Sebastian Bruns am 28. November 2020 um 16:40

    Danke!

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