Kurs und Fahrt mit weniger Emissionen

Dr. Reinhard Lüken – Hauptgeschäftsführer des VSM  – eröffnet!

Gibt es für die Schifffahrt die „reine“ Wahrheit?

Das Deutsche Maritime Institut (DMI) und der Verband für Schiffbau und Meerestechnik e.V. (VSM) hatten für den Maritime After Work Club (MAWC) des Maritimen Hauptstadtforums zu einem hochaktuellen Thema eingeladen: „Praktische Ansätze zur Einführung emissionsarmer Schiffe“ – das assoziierte hochgekrempelte Ärmel. Und vielleicht hätte es einen der unweit der Berliner Landesvertretung des Gastgebers Baden-Württemberg protestierenden Klimaaktivisten auch tatsächlich überzeugt oder zumindest besänftigt, was sich denn die Schifffahrtsbranche für die nächsten Jahre vorgenommen hat – ja besser gesagt vornehmen muss! Luftverschmutzung und Klimaschutz ist auf der Agenda ganz oben, das dringt spätestens seit der letzten Nationalen Maritimen Konferenz in Friedrichshafen (MarineForum berichtete in Heft 7) unter dem Motto „Global-Smart-Green“ zunehmend in die nicht-maritime Öffentlichkeit.

Mit einem Impulsvortrag eröffnete Dr. Reinhard Lüken – Hauptgeschäftsführer des VSM – den Abend. Selbstbewusst bezeichnete er die Schifffahrt als ein sehr effektives Fortbewegungs- und Transportmittel, welches im Vergleich zu Straße, Schiene und vor allem Luft immer noch mehr als konkurrenzfähig sei – insbesondere hinsichtlich Emissionen. Er verschwieg nicht die nachteiligen Rahmenbedingungen einer seit Jahren in wirtschaftlich schlechtem Fahrwasser befindlichen Schifffahrt und vor allem dem deutschen Schiffbau. Dass man sich von der Nutzung des Schweröls nur sehr zögerlich verabschieden wollte und es bei der Umsetzung der neuen Richtlinien ab dem 01. Januar 2020 auch zusätzliche erhebliche technische und finanzielle Anstrengungen erforderlich sein würden, machte er mit der nüchternen Nennung der Grenzwerte deutlich. Es würden zwar Emissionen verringert, aber „schwefelärmer sei eben noch nicht schwefelarm“. Er mahnte an, in den Diskussionen die Begriffe Luftverschmutzung und Klimaschutz nicht zu vermengen. Das könne man am sogenannten „Landstrom“ für Schiffe verdeutlichen: dadurch würde die Luft zwar sauberer, zum Klimaschutz trüge das aber nun gar nichts bei, wenn der Strom nach wie vor fossil produziert würde. Ragnar Schwefel, Leiter des Berliner VSM-Büros führte die rund dreißig Gäste mit einer umfangreichen Bewertung der aktuellen Fakten und Zukunftsaussichten in das Thema. Er machte deutlich, dass die deutsche „öffentliche Hand“ kaum eigenen Handlungsspielraum habe, denn die Regeln würden bei der IMO oder in Brüssel aufgestellt. Viele Maßnahmen seien noch in der Theorie steckengeblieben, denn es würde nur gemacht, was einen wirtschaftlichen Anreiz habe. Und staatliche Förderungen müssten auch einen realen Bezug haben, ansonsten würden die vom Steuerzahler getragenen Maßnahmen im internationalen Raum verpuffen. Man könne ab sofort jedes Schiff drastisch sauberer machen, man müsse aber in dieser Trendwende den Altbestand, insbesondere in der Binnenschifffahrt im Auge behalten. Die Nutzung von „Liquid Natural Gas (LNG)“, also kalt verflüssigtem Erdgas, sei jetzt der richtige Schritt in die nahe Zukunft. Das Ziel einer emissionsfreien Schifffahrt sei zwar am Horizont bereits technisch denkbar, aber mit Blick auf Bestand und Zeitbedarf müsse man Realitätssinn bewahren.

In der anschließenden lebendigen Debatte wurde deutlich, dass die Schifffahrt sich offen den Herausforderungen stellt und sich Lösungen zunehmend abzeichnen. Es habe lange gedauert, aber nun werde man auch handeln.  Politisch immer wieder neu aufgelegte und zudem meist auch ideologisch geführte Debatten bremsen die dringend erforderliche technische Entwicklung und Forschung aber nur aus. Die Wirtschaft braucht Sicherheit. Der Traum vom nahezu emissionsfreien Schiff könnte irgendwann wahr werden, wenn es wirtschaftlich und gewollt ist, Ideen und Technologien gäbe es. Vielleicht trüge dies als Botschaft an die meist städtisch fokussierte aufgeregte Öffentlichkeit zur Versachlichung der auf Kreuzfahrtschiffe und Hafenanlieger verengte Diskussion bei. Bis in die fernere Zukunft jedoch lässt also die „reine Wahrheit“ zugegeben noch etwas auf sich warten.

Holger Schlüter

Foto: Hauke Bunks

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Von: Holger Schlüter
Holger Schlüter

Holger Schlüter

Kapitän zur See a. D. und Chefredakteur des MarineForums

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