Klimawandel und Anstieg des Meeresspiegels

Wie sieht es in Norddeutschland im Oktober 2050 aus? Ein denkbares Szenario

 

Der Weltklimarat (IPCC) veröffentlichte am 25. September (die Medien berichteten) seinen Sonderbericht über den Ozean und die eisbedeckten Gebiete im Klimawandel „The Ocean and Cryosphere in a Changing Climate“, abrufbar unter www.ipcc.ch/srocc/home. Der Bericht enthält den heutigen Wissensstand zur Erwärmung der Erde und zum Anstieg des Meeresspiegels. Uwe Jenisch hat sich Gedanken gemacht, wie es im Oktober 2050 in seiner Stadt Kiel und darüber hinaus in Norddeutschland aussehen könnte. Er weiß, dass nichts so schwierig ist  wie der Blick in die Zukunft, ist aber der Ansicht, dass Rahmenbedingungen für eine solche Prognose in dem Bericht zu finden sind. Der geneigte Leser sollte den Beitrag mit der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor zur Kenntnis nehmen und überlegen, wie er sein Verhalten ändern kann: 

Mit großem finanziellem und technischem Aufwand sind die 1100 km Deiche an der Nordseeküste und an den großen Flüssen Norddeutschlands deutlich verstärkt, erhöht und teils zurückgenommen worden. Alle Bewohner des „Nordstaates“, dem Zusammenschluss von Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern, zahlen jetzt eine neue Deichsteuer als 20% Zuschlag zur Einkommensteuer, ähnlich dem früheren „Soli“. Obwohl 2018 in Paris ein maximaler Temperaturanstieg von 1,5° „vereinbart“ war, ist die Durchschnittstemperatur jetzt 3° C höher als im Jahre 2000. Der Meeresspiegel ist nicht nur um die befürchteten 40 cm sondern um 80 cm gestiegen. Schnee gibt es praktisch nicht mehr. Die Halligen sind lange geräumt und nur noch als Mini-Inseln erkennbar. Sylt ist nach Sturmfluten in drei kleine Inseln zerfallen. Die jährlichen Sandvorspülungen für Sylt hatte man schon 2025 eingestellt, als die Haushalte von Bund und Ländern angesichts der Zerbrechlichkeit der Natur radikal auf Klimaschutz umgestellt wurden. Alle friesischen Inseln sind deutlich kleiner geworden. Die Helgoländer Düne bevölkern nur noch Seevögel und Seehunde.

 

Was sich Anfang des Jahrhunderts abzeichnete, ist Wirklichkeit geworden: die Menschen haben sich an feuchte und warme Sommer und milde sturmreiche Winter gewöhnt. Es gibt  sehr hoch auflaufenden Sturmfluten und zyklonartige Stürme sogar im Sommer. Extrem hohe Wasserstände, die es früher alle 100 Jahre gab (z. B. grote Manndränke von 1634), treten jetzt jährlich auf. Die Elbphilharmonie in Hamburg ist Einsturz gefährdet und die schicke Hafen City kämpft mit Leerstand, da die Menschen die ständigen Überflutungen leid sind. Dafür ist die Weinbaugrenze bis Skagen vorgerückt. In Harburg wird als Qualitätswein das berühmte „Elbtröpfchen“ aus dem Alten Land hergestellt.

 

Die unregelmäßigen Wasserstände und Sturmgefahren haben dazu beigetragen, dass die Großschifffahrt Wilhelmshaven gegenüber Hamburg und Bremen bevorzugt. 2040 traf eine Jahrhundertflut die Niederlande, in deren Folge sich die dortige Küstenlinie erheblich veränderte und viele Menschen nach Deutschland umgesiedelt sind. Die größte Gruppe von Ausländern in Deutschland sind nun die Niederländer. Auch an der deutschen und polnischen Ostseeküste sind Gebietsverluste zu beklagen. In den meisten Seebädern der Ostsee sind die Strandpromenaden um durchschnittlich 100 m landeinwärts neu errichtet worden. Der Fremdenverkehr an der Ostsee kämpft mit mehrmonatigen Quallenplagen. Die Ostsee hat sich in Farbe und Geruch verändert. Kabeljau und Dorschbestände gibt es nur noch nördlich von Bergen.

 

Die städtischen Hafengesellschaften von Lübeck und Kiel haben 2040 überraschend fusioniert und einen neuen Tiefwasserhafen bei Puttgarden auf Fehmarn errichtet. So können sie den Zu- und Ablaufverkehr durch das jeweilige Stadtgebiet vermeiden und profitieren vom Fehmarnbelt-Tunnel mit seinen leistungsfähigen Straßen- und Schienenanbindungen. Alle Fähren und Containerdienste in der Westlichen Ostsee haben den neuen Hafen als perfekte Logistikdrehscheibe gut angenommen – teilweise auch die Kreuzfahrer.

 

In Kiel werden 2050 im Kanal zwei neue große Schleusen nach über 25- jähriger Planungs- und Bauzeit eingeweiht. Sie ersetzen die 140 Jahre alten Schleusen des Kaisers. Die Schleswig-holsteinische Wirtschaft profitiert vom vielen Starkregen und exportiert in großem Stil abgefülltes Trinkwasser in alle Welt, weil es anderenorts knapp wird.

 

Der Internationale Seegerichtshof in Hamburg beschäftigt sich neuerdings mit einer Sammelklage von 77 afrikanisch-karibisch-asiatischen Staaten gegen die Gruppe der alten Industrieländer auf Schadensersatz. Anspruchsgrundlage sind die Haftungs- und Umweltschutzvorschriften des Seerechtsübereinkommens von 1982. Die Kläger machen die Industriestaaten für die nachhaltigen Klimaschäden in ihren Ländern verantwortlich. Die Bundesregierung bildet deshalb vorsorglich Rücklagen und erwägt eine neue Steuer ähnlich dem damaligen „Soli“.

 

 

 

Veröffentlicht unter:
Von: Prof. Dr. Uwe Jenisch
Prof. Dr. Uwe Jenisch

Prof. Dr. Uwe Jenisch

Universität Kiel

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