Der letzte Abschied / Panzerschiff “ADMIRAL GRAF SPEE”

Am 21. August 1939 verließ das Panzerschiff „ADMIRAL GRAF SPEE“ Wilhelmshaven. Mit seiner späteren Selbstversenkung schrieb es ein bewegendes Kapitel Marinegeschichte.

Der 150. Geburtstag Wilhelmshavens präsentiert sich mit einer Fülle von Erinnerungsdaten, den dazu gehörigen Orten und damit verbundenen Ereignissen und Erlebnissen. Die meisten von ihnen stehen in enger Verbindung zur Marine. Der Stelenweg durch die Stadt, der die Ereignisse im Revolutionsjahr 1918 jedem interessierten Besucher mit neun Erinnerungsorten ganz unmittelbar vor Augen führt, ist nicht zuletzt deshalb die aktuell am meisten ins Auge fallende Form des maritimen Gedächtnisses dieser Stadt.

Viel gibt es in diesem Zusammenhang zu erzählen. Kleine Begebenheiten und große Tragödien. Sie alle sind identitätsstiftend und somit  fest in der DNA Wilhelmshavens verankert . Mit der folgenden kleinen Geschichte soll daher an ein Ereignis vor 80 Jahren und einen Ort erinnert werden, der wenigen bewusst ist, aber von Kennern zu einem der schönsten und stimmungsvollsten Orte dieser Stadt gerechnet wird: Es handelt sich um die Mole der ehemaligen 3. Hafeneinfahrt mit der durch den Nautischen Verein betreuten Replik des „Quermarkenfeuers“, das im Rahmen des 3. Hafenbauabschnittes seit 1909 die Ansteuerung zur „3. Einfahrt” erleichtern sollte. Heute ein wunderbarer, einsam gelegener Platz, um in Ruhe den Blick über die Jade und den Marinestützpunkt 4. Einfahrt schweifen zu lassen und sich gerade in diesem Monat an ein besonderes Datum zu erinnern –
den 21. August 1939.

An diesem Abend vor 80 Jahren – im noch vermeintlichen tiefsten Frieden – lief das Panzerschiff „ADMIRAL GRAF SPEE“ der Kriegsmarine unter Führung ihres legendären Kommandanten Kapitän zur See Hans Langsdorff zu einer streng geheimen Mission aus. Dadurch sollte sichergestellt sein, dass das Schiff in dem heraufziehenden Krieg für Operationen der Seekriegsleitung im Südatlantik verfügbar sein würde. Modern würden wir heute von „Prepositioning“ sprechen. Wie erst der historische Rückblick uns heute lehrt, war es das letzte Auslaufen des im Einsatz als Handelsstörer zu Beginn des Krieges zunächst sehr erfolgreichen Schiffes aus seinem Heimathafen Wilhelmshaven in dem es auch gebaut und im Jahre 1934 vom Stapel gelaufen ist. Denn nur wenige Monate später wurde es im Dezember 1939 vor dem Rio de la Plata in internationalen Gewässern aufgrund der aussichtslosen Lage von seiner  Besatzung selbst versenkt.

Nun gehört es zu den traurigen Wahrheiten eines deutschen Marinestandortes in der kriegerisch geprägten Geschichte unseres Landes, dass von hier immer wieder Marineschiffe mit ihren Besatzungen ausliefen, für die das Passieren der Molenköpfe zu einem Abschied für immer und eine Reise ohne Wiederkehr wurde. Übrigens ein historisches Forschungsprojekt, das noch auf seine Bearbeitung wartet.

Es soll hier aber nicht der legendäre Einsatz der Panzerschiffes „ADMIRAL GRAF SPEE“, der sein Ende durch ein Gefecht mit 3 britischen Kreuzern vor dem Rio de la Plata gefunden hat, thematisiert werden, sondern nur der „Abschiedsort“ in Wilhelmshaven in den Mittelpunkt gestellt werden.

Am Montag, 21.August 1939, lief die „Graf Spee“ um 18 Uhr zum letzten Mal aus Wilhelmshaven aus. Für das Schiff und den Kommandanten Kapitän zur See Hans Langsdorff und damit auch für seine Familie war es ein Abschied für immer. Große Teile seiner Besatzung überlebten den Einsatz und den Krieg, dank der  herausragenden und verantwortungsbewussten Führungspersönlichkeit dieses Kommandanten, der nicht dem Zeitgeist gefolgt ist und sich auf einen „aussichtlosen Kampf bis zur letzten Patrone“ mit überlegenen britischen Seestreitkräften und dem damit verbundenen sicheren „Untergang mit wehender Flagge“ zu Lasten seiner Besatzung eingelassen hat.

Nach der Selbstversenkung seines Schiffes vor Montevideo hat Hans Langsdorff dafür gesorgt, dass alle 1.200 Besatzungsangehörigen in Buenos Aires sicher an Land gehen konnten. Die meisten seiner Kameraden haben den 2. Weltkrieg als Internierte in Argentinien überlebt. Nachdem diese Aufgabe abgeschlossen war nahm sich der Offizier das Leben, um den falsch verstandenen Ehrbegriffen seiner Zeit und den Erwartungen seiner Marine, dass ein Kommandant mit seinem Schiff untergeht, gerecht zu werden. Wahrlich ein tragisches Schicksal, das an diesem schönen Sommerabend an der Mole der 3. Hafeneinfahrt seinen Anfang nahm und an dem seine Frau Ruth  und ihre beiden Kinder den Vater zum letzten Mal sahen. Vielleicht ist dieses Datum aber auch ein Anlass, um 80 Jahre danach nochmals an dieser Stelle inne zu halten und darüber nachzudenken.

Das Kriegstagebuch des Panzerschiffes ADMIRAL GRAF SPEE hält den Auslaufmoment, das heißt  das Ablegen von der Dritten Einfahrt, lapidar aber mit urkundlicher Wirkung fest:

“21. 08. 1939 Wilhelmshaven.
19:39 Uhr Ausgelaufen nach beendigter Ausrüstung gem. Befehl I Op. 115 /39.
Marschfahrt 17 sm, Wind Ost Stärke 2, bedeckt, gute Sicht Lufttemperatur + 21° C.”

Mit dieser Eintragung wird auch der Schlussstrich unter eine schier unglaubliche Leistung gesetzt, die ganz unmittelbar mit den in Wilhelmshaven vorhandenen materiellen und personellen Ressourcen in Verbindung steht: Ein Kriegsschiff mit mehr als 1.200 Mann Besatzung innerhalb von nur 4 Tagen für einen unbestimmten Kampfeinsatz (der am Ende 4 Monate gedauert hat) auszurüsten! Dieser Aspekt schließt auch ein bisschen die zeitliche Lücke zur jüngeren Vergangenheit:

In ihrer tragischen Relevanz nicht mit den Vorgängen am Vorabend des
2. Weltkriegs vergleichbar, sei deshalb darauf hingewiesen, dass die hier beschriebene Form des “alarmmäßigen Ausrüstens und des Auslaufens” von Marineeinheiten in Wilhelmshaven zum Erfahrungs- und Erinnerungsschatz vieler Bürger gehört. Es sei hier nur an den Minenabwehrverband Südflanke erinnert, der mit kurzer Vorbereitung am 16. 08. 1990 ausgelaufen ist. Vor genau 25 Jahren lief mit nur 3-tägiger Vorbereitungszeit am 01.02.1994 der Marineverband aus, der unter dem Begriff “Operation Southern Cross” die deutschen Heeres-Einheiten aus Mogadischou sicher abtransportiert hat. Auch der bisher  größte  Marine-Einsatzverband nach dem 2. Weltkrieg  – die an der Operation Enduring Freedom am Horn von Afrika eingesetzten Einheiten – wurden in Wilhelmshaven zusammengestellt, ausgerüstet und passierten auslaufend am 02. 01. 2002 mit vergleichbar kurzer Vorbereitungszeit die Molenköpfe der 4. Einfahrt.  Zum Glück kehrten diese Einheiten und ihre Besatzungen alle wieder heil in ihren Heimathafen zurück.
Die aktuelle Diskussion um einen möglichen Marineeinsatz in der Straße von Hormuz macht deutlich, dass dies auch in Zukunft weiterhin ein Thema bleiben wird.

Oft übersehen wird dabei, dass diese Leistung, der  Ausrüstung und Vorbereitung von Einheiten der Marine für einen langen Einsatz zu den Kernkompetenzen des Marinestandortes Wilhelmshaven gehören.  Ohne die hohe Leistungsfähigkeit des Marinearsenals – oder in der Vergangenheit der Kriegsmarinewerft – und vieler anderer logistischer Fachbereiche, die an diesem Standort konzentriert sind, wären solche Leistungen nicht möglich. Von daher verbinden sich mit dem Erinnerungsdatum und dem Erinnerungsort auch so etwas wie die „Marine DNA“ dieser 150 – jährigen Stadt.

 

Veröffentlicht unter:
Von: Gottfried Hoch
Gottfried Hoch

Gottfried Hoch

Konteradmiral a. D.

Mitglied im Stiftungsvorstand Stiftung Deutsches Marinemuseum

Südstrand 125
26382 Wilhelmshaven
Tel. 04421 – 40084-0

info@marinemuseum.de

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