Kuala Lumpur/Berlin, 21. Oktober 2009 ‑ Die Anzahl der weltweiten Piratenangriffe hat bereits in den ersten drei Quartalen 2009 die Gesamtzahl der im vergangenen Jahr berichteten Übergriffe übertroffen. Das vermeldet der aktuelle Pirateriereport des Internationalen Schifffahrtsbüros (IMB), das zur Internationalen Handelskammer (ICC) gehört.
Der Bericht zeigt auch, dass die Anzahl der Piratenüberfälle in den ersten neun Monaten, bei denen Schusswaffen zum Einsatz kamen, im Vergleich zu den drei ersten Quartalen 2008 um über 200 Prozent gestiegen ist.
Für die ersten neun Monate des Jahres 2009 meldet das IMB Piracy Reporting Center (PRC) bereits 306 Überfälle. Im vergangenen Jahr hatte die Zahl der Angriffe für das gesamte Jahr noch 293 betragen.
Angriffe von somalischen Piraten
Der Anstieg der Angriffe ist auf die gestiegenen Piraterieaktivitäten vor den Küsten Somalias zurückzuführen, von wo aus in den ersten drei Quartalen 47 Vorfälle gemeldet wurden, während es im Vergleichszeitraum 2008 nur 12 waren. Für den Golf von Aden verzeichnet der Report in den ersten neun Monaten 100 Angriffe, während die Anzahl der Vorfälle in der gleichen Periode im vergangenen Jahr bei 51 lag.
Trotz eines weltweiten Anstieges der Überfälle für die ersten neun Monate insgesamt, gab es einen Rückgang im dritten Quartal, betrachtet man dieses für sich allein. So wurden zwischen Juli und September weltweit 63 Angriffe gemeldet, während dies im ersten und zweiten Quartal 2009 einmal 103 und einmal 140 Überfälle waren. Der Rückgang der Piraterieaktivitäten im Golf von Aden und der Ostküste Somalias kann in erster Linie auf den Monsunregen zurückgeführt werden.
Weltweit wurden in den ersten neun Monaten dieses Jahres 114 Schiffe geentert, 34 Schiffe entführt und 88 beschossen. Ingesamt wurden dabei 661 Besatzungsmitglieder als Geisel genommen, 12 entführt und acht werden immer noch vermisst.
Allerdings waren Piratenüberfälle seltener erfolgreich als im vergangenen Jahr. So konnten die Piraten in den ersten neun Monaten 2009 nur eines von neun Schiffen in ihre Gewalt bringen. Im Vergleichszeitraum 2008 lag dieser Wert noch bei 1 zu 6,4.
Der Bericht für das dritte Quartal zeigt, dass die somalischen Piraten mittlerweile ihren Aktivitätsradius ausgeweitet haben. So greifen sie nun nicht nur im Golf von Aden und vor Ostküste Somalias an, sondern bedrohen die Schifffahrt auch im südlichen Bereich des Roten Meeres, in der Meeresstraße Bab al-Mandab und der Ostküste des Omans. In dem gesamten Hochrisikogebiet summieren sich die Vorfälle in den ersten neun Monaten daher auf 168 Angriffe. Diese Region ist also insgesamt für mehr als die Hälfte aller weltweit gemeldeten Fälle verantwortlich.
“Die Marineschiffe, die vor der Küste Somalias operieren, spielen weiterhin eine entscheidende Rolle, um die Piratenbedrohung einzudämmen”, sagt Kapitän Pottengal Mukundan, Direktor des Internationalen Schifffahrtsbüros. “Verbesserte Sicherheitsmaßnahmen seitens der dort stationierten Schiffe erschweren den Piraten erfolgreiche Angriffe”.
Er fügt hinzu: “Es ist enorm wichtig, dass Regionen in Somalia wie Puntland mit ihren strengen Maßnahmen fortfahren und gegen Piraten ermitteln sowie diese strafrechtlich verfolgen. Dies hat eine wesentlich bessere Abschreckung für somalische Piraten zur Folge, als Untersuchungen und Verurteilungen in einem fremden Land”.
Ingesamt haben somalische Piraten in den ersten neun Monaten des Jahres 32 Schiffe entführt und 533 Seeleute als Geisel genommen. Weitere 85 Schiffe wurden beschossen. Zudem fanden am Stichtag des Berichtes, dem 30. September, noch Verhandlungen über die Freilassung von vier Schiffen mit insgesamt 80 gefangenen Seeleuten statt.
Weitere Hochriskiogebiete
Nigeria bleibt ein weiteres Gebiet, das Grund zu großer Besorgnis bietet. Zwar wurden dem Internationalen Schifffahrtsbüro offiziell nur 20 Angriffe gemeldet. Gleichwohl lassen externe Quellen vermuten, dass mindestens 50 Prozent der tatsächlichen Vorfälle ‑ meist im Bereich der Ölindustrie ‑ gar nicht gemeldet wurden.
Auch der Hafen von Chittagong in Bangladesch verzeichnete eine Zunahme von Piratenüberfällen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Von dort aus wurden 12 Angriffe gemeldet, von denen zehn für die Piraten erfolgreich waren. In den ersten neun Monaten 2008 hatte es noch 9 Überfälle gegeben.
Im Südchinesischen Meer wurden in den ersten neun Monaten zehn Überfälle registriert. Dies ist Vergleich zu den letzten fünf Jahren die höchste, von dort gemeldete Anzahl an Piratenangriffen.
Meldung von Vorfällen an das IMB
Das Internationale Schifffahrtsbüro bittet alle Kapitäne, Eigner, Manager und Akteure der Schifffahrtindustrie eindringlich, alle Piratenangriffe dem Piracy Reporting Center zu melden. Dieses hat seinen Sitz in Kuala Lumpur in Malaysia, ist rund um die Uhr besetzt und registriert alle Vorfälle. Die zeitnahe Information aus erster Hand ermöglicht es dem IMB, gegenüber den Regierungen Hochrisikoregionen zu identifizieren, damit diese für eine Verstärkung der Sicherheit sorgen.
Der Pirateriereport kann kostenlos angefordert werden. Zudem verzeichnet eine interaktive Karte die Überfälle auf tagesaktueller Basis.