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    Marineschiffbau in Europa Aktuelle Entwicklungen und Perspektiven 2020

    Diehl BGT Defence GmbH & Co. KG
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    Beschreibung
    Die europäischen Verteidigungsminister haben 2007 die Notwendigkeit zur
    Entwicklung einer Strategie für eine gemeinsame verteidigungstechnologische und
    -industrielle Basis in Europa (European Defence Technological and Industrial
    Base; EDTIB) formuliert. Sie haben die erforderlichen Schritte innerhalb der
    Tätigkeitsbereiche der Europäischen Verteidigungsagentur festgelegt, um eine
    stärker integrierte und unabhängigere EDTIB zu schaffen, die weniger
    Doppelarbeit beinhaltet. Dazu gehören unter anderem die Festlegung der
    erforderlichen Fähigkeiten sowie die Ermittlung der Technologien und Schlüssel-
    Produktionskapazitäten zur Bewältigung der weitreichenden Herausforderungen,
    denen sich die europäische Verteidigungsindustrie infolge der politischen und
    wirtschaftlichen Veränderungen in der europäischen Sicherheitspolitik stellen
    muss.1 Der Marinesektor ist als wesentlicher Bestandteil der Streitkräfte
    unmittelbar in diesen Prozess involviert und davon betroffen. Die Notwendigkeit
    der Neuorganisation von Unternehmen und Produktionskapazitäten im
    Marinesektor auf europäischer, nationaler und lokaler Ebene wird derzeit unter
    Politikern und Vertretern der Industrie diskutiert. Die wichtigsten Triebkräfte der
    Veränderung sind:
    • Das Sicherheitsempfinden in Europa hat sich seit 1990 gewandelt.2 Die
    territoriale Verteidigung (bzw. die Bedrohung des EU-Territoriums) ist kein
    zentrales Thema mehr. Es sind neue Konfliktarten (Terrorismus,
    Staatszerfall, Piraterie) aufgetreten, die neue Konzepte erfordern. Die
    Themen von internationalem Interesse, wie beispielsweise Grenzsicherheit
    und humanitäre Hilfe, haben sich im vergangenen Jahrzehnt grundlegend
    gewandelt. In diesem veränderten Sicherheitsumfeld spielen die
    Seestreitkräfte in der Wahrnehmung der meisten Politiker nun eine
    gewichtigere Rolle.
    • Es gibt noch immer keinen integrierten oder einheitlichen europäischen
    Verteidigungsmarkt.3 Die Bemühungen zur Umstrukturierung der
    wehrtechnischen Industrie in der EU, die eine stärker integrierte und
    kostengünstigere Bereitstellung von Rüstungsgütern gewährleisten soll,
    haben zwar gebietsweise Früchte getragen, konnten jedoch bislang noch
    keine einheitliche Struktur schaffen. Besonders in der Marineindustrie
    haben der fortgesetzte Protektionismus und die größtenteils national
    ausgerichtete Beschaffungspolitik zu dauerhaften Überkapazitäten in der
    EU geführt. Die betroffenen Akteure argumentieren mit der Notwendigkeit
    eines staatlichen Protektionismus zur Sicherstellung einer gewissen Autonomie bei der Marinebeschaffung und zur Aufrechterhaltung einer
    unabhängigen militär-industriellen Basis.
    • In finanzieller Hinsicht ist keiner der EU-Mitgliedsstaaten in der Lage, diese
    Finanzierungspolitik und die Strategie zur Aufrechterhaltung des gesamten
    Spektrums einer verteidigungstechnologischen und -industriellen Basis
    fortzuführen. Selbst wenn die Auftragsvergabe in verschiedenen
    EU-Mitgliedstaaten weiterhin größtenteils auf nationaler Ebene anstatt im
    Einklang mit der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik
    (ESVP) praktiziert wird, stellt dies mehreren Analysen zufolge keine
    Alternative für die Zukunft dar. Die Finanzkrise hat die bereits bestehenden
    finanziellen Engpässe in allen EU-Staaten noch verschärft.
    • Die allgemeine Zunahme der Kosten für Verteidigungstechnik in Zeiten
    knapper Verteidigungsbudgets hat zu einem Rückgang bei den von
    europäischen Seestreitkräften eingesetzten Schiffen geführt. Die meisten
    Seestreitkräfte der EU planen, die Anzahl der Schiffe im kommenden
    Jahrzehnt weiter zu senken. Der Binnenmarkt für Marinetechnik ist somit
    ein schrumpfender Markt.
    • Die aktuelle Lage verschärft den Wettbewerb auf den Exportmärkten
    zwischen europäischen Werften. Dieser Wettbewerb zwischen den
    Industrieakteuren sowie das niedrige Maß an Konzentration in Europa
    erhöhen die Fragilität, was letztlich US-amerikanischen Großunternehmen
    in die Hände spielen könnte.
    • Die Krise im Handelsschiffbau zieht die Schiffswerften, die sowohl im
    Marine- als auch Handelsschiffbau (z. B. Fincantieri und TKMS) tätig sind,
    stark in Mitleidenschaft.
    Die Analyse in den folgenden Kapiteln zeigt, dass der Marinesektor in den
    Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein Beispiel für eine industrielle Basis ist,
    die nach wie vor maßgeblich auf nationaler Ebene organisiert ist. Die Industrie wird
    stark von den sogenannten „nationalen Champions“ (Spitzenunternehmen auf
    nationaler Ebene) beeinflusst – große Rüstungsproduzenten, die in dem Land, in
    dem sie ihren Sitz haben, einen bedeutenden Marktanteil halten. Wie jedoch die
    Auswertungen der Fallstudien zeigen, sind diese national ausgerichteten
    Strategien über die einzelnen Ländergrenzen hinaus bei weitem nicht einheitlich.
    Obwohl alle Regierungen der fünf untersuchten Länder (Frankreich,
    Großbritannien, Deutschland, Spanien und Italien) die Aufrechterhaltung, Stärkung
    und Förderung der Schlüssel-Produktionskapazitäten begünstigen – in erster
    Linie, um der Industrie zu ermöglichen, die Bedürfnisse des Binnenmarktes zu
    decken –, werden zur Erreichung dieses industriepolitischen Ziels sehr
    unterschiedliche Konzepte verfolgt.
    Im Rahmen unserer Studie haben wir die Entscheidungen im Marinesektor und im
    nationalen Beschaffungswesen von fünf Ländern (Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien und Italien) analysiert und in einen europäischen Kontext
    gestellt, um folgende Fragen zu beantworten:
    • Was sind die Hauptmerkmale und Kapazitäten der industriellen Basis zur
    Entwicklung und Herstellung von Marinetechnik in Europa?
    • Was sind die Triebkräfte der Veränderung in der europäischen
    Marineindustrie?
    • Wie sehen die möglichen Entwicklungsszenarien für diesen Industriesektor
    aus?
    • Welche Auswirkungen haben verschiedene Szenarien im Laufe der Zeit auf
    nationale und regionale Produktionskapazitäten und Arbeitsmärkte?
    • Wie können die sozialen Kosten des Umstrukturierungsprozesses
    minimiert werden?
    • Welche Instrumente gibt es, um den wirtschaftlichen Wandel, die
    Schaffung neuer Industriearbeitsplätze und
    Wiederbeschäftigungsstrategien zu unterstützen?4
    • Gibt es bewährte Verfahren für die Bewältigung des Wandels in der
    europäischen Marineindustrie?
    Basierend auf der Analyse der Marineindustrie in Europa (z. B. vorhandene
    Kapazitäten in unterschiedlichen Teilsektoren der Marineindustrie) sowie der
    Ermittlung verschiedener Faktoren des Wandels werden mögliche Szenarien und
    strategische Wahlmöglichkeiten aufgezeigt. Dabei werden auch die sozialen
    Konsequenzen der unterschiedlichen Szenarien in Verbindung mit den
    entsprechenden Entscheidungen der Hauptakteure erläutert. Den Schwerpunkt
    der entwickelten Szenarien bildet die Beurteilung der Auswirkungen auf die
    Beschäftigungslage.
    In Vorbereitung dieser Studie haben wir zwei Workshops mit Teilnehmern aus der
    Industrie veranstaltet, um die Situation der Marineindustrie in den untersuchten
    Ländern und unsere Szenarien sowie deren Hauptthesen zu erörtern. Der erste
    Workshop wurde von TKMS in Hamburg veranstaltet; der zweite Workshop fand
    im französischen Lorient statt und wurde von DCNS veranstaltet. Darüber hinaus
    haben wir in allen fünf Ländern sowohl Führungskräfte aus der Industrie als auch
    Gewerkschaftsvertreter interviewt. (Eine Liste der Interviewpartner finden Sie im
    Anhang.)
    Der Bericht besteht aus zwei Teilen. Wir beginnen mit einer kurzen Vorstellung der
    wichtigsten Tendenzen und unterschiedlichen nationalen Rahmenbedingungen für
    die Entwicklung des nationalen Marinesektors. Die Zusammenfassung bietet
    lediglich einen Überblick über die einzelnen Länderberichte, während die auf der Website des EMB veröffentlichte Vollversion eine eingehende Analyse beinhaltet.
    Im zweiten Teil unserer Studie fügen wir diese Informationen zusammen und
    erörtern die möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigungslage, indem wir die
    Plausibilität von drei verschiedenen Szenarien für die mittelfristige Entwicklung des
    europäischen Marinesektors prüfen:
    • eine im Wesentlichen national ausgerichtete Industriestrategie, deren
    strategisches Rückgrat die inländische Auftragsvergabe bildet;
    • eine internationaler ausgerichtete Industriestrategie, die hauptsächlich auf
    der Kooperation mit ausländischen Partnern basiert und die Ausfuhr von
    Rüstungsgütern mit Technologietransfer sowie Aufbau von
    Produktionskapazitäten als integralem Bestandteil;
    • ein stufenweise umzusetzendes europäisches Szenario mit verstärkter
    innereuropäischer Zusammenarbeit und eventuell auch mit
    Kapitalverflechtungen.
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