Entwicklung einer Strategie für eine gemeinsame verteidigungstechnologische und
-industrielle Basis in Europa (European Defence Technological and Industrial
Base; EDTIB) formuliert. Sie haben die erforderlichen Schritte innerhalb der
Tätigkeitsbereiche der Europäischen Verteidigungsagentur festgelegt, um eine
stärker integrierte und unabhängigere EDTIB zu schaffen, die weniger
Doppelarbeit beinhaltet. Dazu gehören unter anderem die Festlegung der
erforderlichen Fähigkeiten sowie die Ermittlung der Technologien und Schlüssel-
Produktionskapazitäten zur Bewältigung der weitreichenden Herausforderungen,
denen sich die europäische Verteidigungsindustrie infolge der politischen und
wirtschaftlichen Veränderungen in der europäischen Sicherheitspolitik stellen
muss.1 Der Marinesektor ist als wesentlicher Bestandteil der Streitkräfte
unmittelbar in diesen Prozess involviert und davon betroffen. Die Notwendigkeit
der Neuorganisation von Unternehmen und Produktionskapazitäten im
Marinesektor auf europäischer, nationaler und lokaler Ebene wird derzeit unter
Politikern und Vertretern der Industrie diskutiert. Die wichtigsten Triebkräfte der
Veränderung sind:
• Das Sicherheitsempfinden in Europa hat sich seit 1990 gewandelt.2 Die
territoriale Verteidigung (bzw. die Bedrohung des EU-Territoriums) ist kein
zentrales Thema mehr. Es sind neue Konfliktarten (Terrorismus,
Staatszerfall, Piraterie) aufgetreten, die neue Konzepte erfordern. Die
Themen von internationalem Interesse, wie beispielsweise Grenzsicherheit
und humanitäre Hilfe, haben sich im vergangenen Jahrzehnt grundlegend
gewandelt. In diesem veränderten Sicherheitsumfeld spielen die
Seestreitkräfte in der Wahrnehmung der meisten Politiker nun eine
gewichtigere Rolle.
• Es gibt noch immer keinen integrierten oder einheitlichen europäischen
Verteidigungsmarkt.3 Die Bemühungen zur Umstrukturierung der
wehrtechnischen Industrie in der EU, die eine stärker integrierte und
kostengünstigere Bereitstellung von Rüstungsgütern gewährleisten soll,
haben zwar gebietsweise Früchte getragen, konnten jedoch bislang noch
keine einheitliche Struktur schaffen. Besonders in der Marineindustrie
haben der fortgesetzte Protektionismus und die größtenteils national
ausgerichtete Beschaffungspolitik zu dauerhaften Überkapazitäten in der
EU geführt. Die betroffenen Akteure argumentieren mit der Notwendigkeit
eines staatlichen Protektionismus zur Sicherstellung einer gewissen Autonomie bei der Marinebeschaffung und zur Aufrechterhaltung einer
unabhängigen militär-industriellen Basis.
• In finanzieller Hinsicht ist keiner der EU-Mitgliedsstaaten in der Lage, diese
Finanzierungspolitik und die Strategie zur Aufrechterhaltung des gesamten
Spektrums einer verteidigungstechnologischen und -industriellen Basis
fortzuführen. Selbst wenn die Auftragsvergabe in verschiedenen
EU-Mitgliedstaaten weiterhin größtenteils auf nationaler Ebene anstatt im
Einklang mit der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik
(ESVP) praktiziert wird, stellt dies mehreren Analysen zufolge keine
Alternative für die Zukunft dar. Die Finanzkrise hat die bereits bestehenden
finanziellen Engpässe in allen EU-Staaten noch verschärft.
• Die allgemeine Zunahme der Kosten für Verteidigungstechnik in Zeiten
knapper Verteidigungsbudgets hat zu einem Rückgang bei den von
europäischen Seestreitkräften eingesetzten Schiffen geführt. Die meisten
Seestreitkräfte der EU planen, die Anzahl der Schiffe im kommenden
Jahrzehnt weiter zu senken. Der Binnenmarkt für Marinetechnik ist somit
ein schrumpfender Markt.
• Die aktuelle Lage verschärft den Wettbewerb auf den Exportmärkten
zwischen europäischen Werften. Dieser Wettbewerb zwischen den
Industrieakteuren sowie das niedrige Maß an Konzentration in Europa
erhöhen die Fragilität, was letztlich US-amerikanischen Großunternehmen
in die Hände spielen könnte.
• Die Krise im Handelsschiffbau zieht die Schiffswerften, die sowohl im
Marine- als auch Handelsschiffbau (z. B. Fincantieri und TKMS) tätig sind,
stark in Mitleidenschaft.
Die Analyse in den folgenden Kapiteln zeigt, dass der Marinesektor in den
Mitgliedstaaten der Europäischen Union ein Beispiel für eine industrielle Basis ist,
die nach wie vor maßgeblich auf nationaler Ebene organisiert ist. Die Industrie wird
stark von den sogenannten „nationalen Champions“ (Spitzenunternehmen auf
nationaler Ebene) beeinflusst – große Rüstungsproduzenten, die in dem Land, in
dem sie ihren Sitz haben, einen bedeutenden Marktanteil halten. Wie jedoch die
Auswertungen der Fallstudien zeigen, sind diese national ausgerichteten
Strategien über die einzelnen Ländergrenzen hinaus bei weitem nicht einheitlich.
Obwohl alle Regierungen der fünf untersuchten Länder (Frankreich,
Großbritannien, Deutschland, Spanien und Italien) die Aufrechterhaltung, Stärkung
und Förderung der Schlüssel-Produktionskapazitäten begünstigen – in erster
Linie, um der Industrie zu ermöglichen, die Bedürfnisse des Binnenmarktes zu
decken –, werden zur Erreichung dieses industriepolitischen Ziels sehr
unterschiedliche Konzepte verfolgt.
Im Rahmen unserer Studie haben wir die Entscheidungen im Marinesektor und im
nationalen Beschaffungswesen von fünf Ländern (Frankreich, Großbritannien, Deutschland, Spanien und Italien) analysiert und in einen europäischen Kontext
gestellt, um folgende Fragen zu beantworten:
• Was sind die Hauptmerkmale und Kapazitäten der industriellen Basis zur
Entwicklung und Herstellung von Marinetechnik in Europa?
• Was sind die Triebkräfte der Veränderung in der europäischen
Marineindustrie?
• Wie sehen die möglichen Entwicklungsszenarien für diesen Industriesektor
aus?
• Welche Auswirkungen haben verschiedene Szenarien im Laufe der Zeit auf
nationale und regionale Produktionskapazitäten und Arbeitsmärkte?
• Wie können die sozialen Kosten des Umstrukturierungsprozesses
minimiert werden?
• Welche Instrumente gibt es, um den wirtschaftlichen Wandel, die
Schaffung neuer Industriearbeitsplätze und
Wiederbeschäftigungsstrategien zu unterstützen?4
• Gibt es bewährte Verfahren für die Bewältigung des Wandels in der
europäischen Marineindustrie?
Basierend auf der Analyse der Marineindustrie in Europa (z. B. vorhandene
Kapazitäten in unterschiedlichen Teilsektoren der Marineindustrie) sowie der
Ermittlung verschiedener Faktoren des Wandels werden mögliche Szenarien und
strategische Wahlmöglichkeiten aufgezeigt. Dabei werden auch die sozialen
Konsequenzen der unterschiedlichen Szenarien in Verbindung mit den
entsprechenden Entscheidungen der Hauptakteure erläutert. Den Schwerpunkt
der entwickelten Szenarien bildet die Beurteilung der Auswirkungen auf die
Beschäftigungslage.
In Vorbereitung dieser Studie haben wir zwei Workshops mit Teilnehmern aus der
Industrie veranstaltet, um die Situation der Marineindustrie in den untersuchten
Ländern und unsere Szenarien sowie deren Hauptthesen zu erörtern. Der erste
Workshop wurde von TKMS in Hamburg veranstaltet; der zweite Workshop fand
im französischen Lorient statt und wurde von DCNS veranstaltet. Darüber hinaus
haben wir in allen fünf Ländern sowohl Führungskräfte aus der Industrie als auch
Gewerkschaftsvertreter interviewt. (Eine Liste der Interviewpartner finden Sie im
Anhang.)
Der Bericht besteht aus zwei Teilen. Wir beginnen mit einer kurzen Vorstellung der
wichtigsten Tendenzen und unterschiedlichen nationalen Rahmenbedingungen für
die Entwicklung des nationalen Marinesektors. Die Zusammenfassung bietet
lediglich einen Überblick über die einzelnen Länderberichte, während die auf der Website des EMB veröffentlichte Vollversion eine eingehende Analyse beinhaltet.
Im zweiten Teil unserer Studie fügen wir diese Informationen zusammen und
erörtern die möglichen Auswirkungen auf die Beschäftigungslage, indem wir die
Plausibilität von drei verschiedenen Szenarien für die mittelfristige Entwicklung des
europäischen Marinesektors prüfen:
• eine im Wesentlichen national ausgerichtete Industriestrategie, deren
strategisches Rückgrat die inländische Auftragsvergabe bildet;
• eine internationaler ausgerichtete Industriestrategie, die hauptsächlich auf
der Kooperation mit ausländischen Partnern basiert und die Ausfuhr von
Rüstungsgütern mit Technologietransfer sowie Aufbau von
Produktionskapazitäten als integralem Bestandteil;
• ein stufenweise umzusetzendes europäisches Szenario mit verstärkter
innereuropäischer Zusammenarbeit und eventuell auch mit
Kapitalverflechtungen.
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