Solange es Militär gibt, solange gibt es auch das Verlangen nach Schutzbekleidung und Schutzsystemen für Mensch und Material. Schild, Helm und Rüstung waren über Jahrhunderte hinweg Bestandteile der persönlichen Schutzausrüstung. Im Laufe des Ersten Weltkrieges kamen mit dem Auftreten der Panzer erstmals effektiv geschützte Landfahrzeuge zum Einsatz, die in der Folge die Landkriegsführung revolutionierten.
Bei den Marinen begann bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert die Entwicklung von Panzerschiffen. Mit den Stahlkolossen der Schlachtschiffe erreichten sie im Zweiten Weltkrieg ihren technischen Höhepunkt. Dezimeterdicke Spezialstähle verliehen Schutz gegen gegnerische Waffenwirkung. Eisen und Stahl waren mehr oder weniger über Jahrhunderte hinweg die alleinigen Materialien, aus denen man effektive mobile Schutzsysteme entwickeln und herstellen konnte. Sie hatten allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie waren schwer.
Mit der Einführung neuer Werkstoffe hat sich zwischenzeitlich viel verändert. Zum Beispiel ist der Stahlhelm als Kopfschutz überholt; die aus hochmodernen Materialien gefertigte Splitterschutzweste gehört zur Standardausrüstung des Soldaten im Einsatz. Auch der Schutz von Landfahrzeugen geschieht heute über enorm harte Beschichtungen aus Kombinationen von Keramikverbund, Stahl und Faserstoffen bei minimalem Gewicht. Bei gleicher Schutzwirkung sind solche Kompositbeschichtungen rund 50 bis 60 Prozent leichter als Stahl. In den Einsatzländern haben sie bei Sprengstoffanschlägen ihre Wirksamkeit und ihren Schutzfaktor bereits mehrmals unter Beweis gestellt.
Im modernen Kriegsschiffbau haben bisher passive Schutzsysteme keine Anwendung mehr gefunden. Das gilt sowohl für den Schutz der Besatzung wie auch für einzelne Waffensysteme oder Schiffsbereiche wie Brücke, Operationszentrale und Munitionsräume. Die Zeit der gepanzerten Schiffsgiganten war mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende gegangen und hat sich überlebt. Die Seekriegsszenarien des Kalten Krieges hatten einen anderen Bedarf an Schutzerfordernissen.
Mit dem heutigen asymmetrischen Bedrohungsszenario ändern sich die Bedingungen wieder grundlegend. Kriegsschiffe und ihre Besatzungen müssen gegen terroristische Anschläge sowie gegen eine zunehmende Bedrohung durch Piraten geschützt werden. Das gilt sowohl auf See wie auch in den Häfen respektive den küstennahen Reviergewässern.
Selbstmordattentäter bilden ein neues Gefahrenpotenzial, das schwer nach Ort, Zeit und Mittel zu identifizieren ist. Mit Handfeuerwaffen, Panzerfäusten und Granatwerfern ausgerüstete Piraten scheuen selbst vor Angriffen auf Kriegsschiffe nicht mehr zurück. Vorfälle in dieser Richtung hat es in der jüngsten Vergangenheit schon mehr als einmal gegeben. Es sei nur erinnert an:
- den Terroranschlag auf den amerikanischen Zerstörer "Cole" am 12. Oktober 2000 in der jemenitischen Hafenstadt Aden mit 17 toten und 35 verletzten Seeleuten;
- die Versenkung eines Piratenbootes durch die amerikanischen Einheiten "Cape St. George" und "Gonzales" im März 2006 vor der somalischen Küste, nachdem sie durch die Piraten mit Handfeuerwaffen beschossen worden waren;
- die Versenkung eines von Piraten gekaperten Fischereifahrzeuges durch die indische Fregatte "Tabar" am 18. November 2008, ebenfalls vor der somalischen Küste. Auch hier wurde das Kriegsschiff durch die Piraten mit Waffen bedroht.
Dass bei solchen und ähnlich gelagerten Vorfällen die so gut wie ungeschützt an Oberdeck hinter der Lafette ihres Maschinengewehrs stehenden Soldaten leicht zu Schaden kommen können, liegt zwangsläufig auf der Hand. Gleiches gilt im Hafen für den Posten Seeseite, die Pierwache oder den Posten vor dem Schiff an der Stelling.
Bei der Firma Rheinmetall Chempro GmbH in Bonn kam man im Sommer 2008 auf die Idee, ein Schutzsystem für einzeln an Oberdeck eingesetzte Soldaten zu entwickeln; an Land sollte es zugleich die bisher üblichen Sandsackstellungen ersetzen können. Entstanden ist die Mobile Marine Schutzstellung (MMS). Sie war bereits im Herbst vergangenen Jahres konstruktiv umgesetzt und baufertig. Auf der Pariser Marinemesse Euronaval wurde bereits im Oktober 2008 ein Modell des Projektes dem Fachpublikum vorgestellt.
Bei der Mobilen Marine Schutzstellung handelt es sich um ein modular konzipiertes Plattenstecksystem. Das MMS ist an Bord, auf der Pier und an Land verwendbar. Es bietet Schutz gegen Hartkerngeschosse bis zum Kaliber von 14,5 x 114 Millimetern.
Das entspricht dem Beschuss durch ein schweres Maschinengewehr. Mit dem MMS-System ist es möglich, nicht nur Personal, sondern auch die Funktionalitäten von Waffen, Sensoren und Geräten zu schützen.
Die etwa 25 Kilogramm schweren Einzelteile können mit Muskelkraft von jedem Soldaten in nahezu beliebiger Form und Höhe zusammengesteckt und montiert werden. Durch das Weglassen einzelner Platten oder der Auswahl besonderer Formate lassen sich je nach Erfordernis besondere Sicht- oder Wirkbereiche schaffen. Die Schutzstellung ist somit problemlos an die räumlichen Gegebenheiten wie auch an die taktischen Notwendigkeiten anpassbar.
Das abgebaute System ist schnell verlegbar und benötigt an Bord nur geringen Stauraum zum Einlagern. Das MMS ist im Prinzip unendlich lange verwendbar. Bei Beschädigungen nach Beschuss oder Splittereinwirkung lassen sich schadhafte Teile problemlos austauschen und durch neuwertige ersetzen.
An Land ersetzt das System die aufwendig herzustellenden Sandsackstellungen. Die logistisch notwendige Unterstützungsleistung ist gegenüber einem Sandsackverfahren extrem niedrig. Keine Säcke, kein Sand, kein zeitaufwendiges Befüllen, kein kräftezehrendes Stapeln, minimaler Transport- und Personalbedarf und schnelles Aufbauen der Stellung sowie 100-prozentige Wiederverwendung sind seine Vorteile. Insbesondere wenn gleichzeitig mehrere Stellungen benötigt werden, kommen diese Vorteile zur besonderen Geltung. Ein System, das den Anspruch auf "streitkräftegemeinsamen Einsatz" durchaus erfüllt.
Die Rheinmetall Chempro GmbH konnte bei der Entwicklung der MMS-Module sowohl auf eine langjährige Erfahrung mit der Schutzausrüstung von Landfahrzeugen als auch auf durchgeführte Schutzmaßnahmen an der Verkleidung des 35-mm-Millennium-Geschützes zurückgreifen.
Keine Kommunikationsobjekte vorhanden.

