Seit dem Sommer dieses Jahres geistert ein Wort durch die deutsche Medienlandschaft, das man in der deutschen Öffentlichkeit jahrzehntelang Romanen und Kinofilmen zuschrieb: »Piraterie«. Am 28. Mai 2008 hatten somalische Piraten den Massengutfrachter MV LEHMANN TIMBER, der einer Lübecker Reederei gehört, in den internationalen Gewässern vor Somalia gekapert und in ihre Gewalt gebracht. Erst nach 41 Tagen in der Hand der Piraten kam die Besatzung des Schiffes Anfang Juli gegen Zahlung eines Lösegeldes wieder frei. Seitdem berichten die Nachrichten nahezu wöchentlich über neue Fälle von Piraterie, vor allem vor den Küsten Asiens und Afrikas. Die Öffentlichkeit ist inzwischen sehr sensibel für dieses Thema, und deutsche Reedereien machen ihren Einfluss geltend, um Parlament, Regierung und Behörden zum Handeln aufzufordern.
Der Fall MV LEHMANN TIMBER offenbart eklatante Mängel in der deutschen Sicherheitsarchitektur, aber auch unverständliche Zurückhaltung seitens der Bundespolitik, sich mit dieser Situation zu befassen und die Problemstellungen im Sinne der betroffenen Schiffseigner und Besatzungsmitglieder zu lösen. Wochenlang konnte man in den Medien verschiedene Variationen des Themas »Die Zuständigkeit liegt in den Händen der Bundespolizei, diese verfügt aber nicht über die erforderlichen Mittel. Die Deutsche Marine hat die erforderlichen Mittel, aber nicht die rechtlichen Befugnisse und Zuständigkeiten« lesen.
Auf konstruktive Ideen seitens der Bundesregierung und ihrer Behörden, wie man Mittel und Befugnisse vereinigen und die Täter der Justiz zuführen könnte, wartete die Öffentlichkeit vergebens. Glücklicherweise verbesserte u.a. auch ein hochkarätiger Beitrag des prominenten Staatsrechtlers Prof. Ulrich Fastenrath in der FAZ vom 19. Juni 2008 mit dem Tenor, dass die Deutsche Marine eben doch rechtmäßig einschreiten dürfe, die Qualität der öffentlichen Diskussion erheblich. Dennoch besteht der Bundesminister der Verteidigung trotz des hohen Handlungsbedarfs auf einer Änderung des Grundgesetzes. Auffallend ist, dass der Bundesminister des Inneren, dem die für polizeiliche Aufgaben auf Hoher See zuständige Bundespolizei See untersteht, sich bisher überhaupt nicht in der Öffentlichkeit zu diesem Problemfeld geäußert hat.
Quelle: MARINEFORUM 11-2008 (S.7-8)
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