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    Anti-Piratenmission zeigt Wirkung - Interview mit Flottillenadmiral Thorsten Kähler

    Anti-Piratenmission zeigt Wirkung - Interview mit Flottillenadmiral Thorsten Kähler
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    1. Herr Admiral Kähler, Sie sind seit Juni diesen Jahres als Deputy Operation Commander bei der europäischen Anti-Piraten-Mission Atalanta tätig. Wie sieht Ihre Tätigkeit aus?

    Die erste Marineoperation der Europäischen Union EU NAVFOR ATALANTA wird aus dem Operationshauptquartier in Northwood geführt. In diesem Hauptquartier bin ich als Stellvertreter des Operationskommandeurs mit dafür verantwortlich, dass die von den Mitgliedstaaten der Europäischen Union getroffenen politischen Vorgaben in operative Ziele umgesetzt werden. Hier in Northwood wird der Handlungsrahmen für den Seebefehlshaber der Operation festgelegt. Eingeschifft auf einer der Einheiten im Seegebiet vor der somalischen Küste, obliegt ihm die eigentliche Aufgabe der Piratenabwehr in den Gewässern um Somalia. Daneben ist es unsere Aufgabe, Kräfte und Mittel, die wir zur Erfüllung unseres Auftrages benötigen, zu definieren und der politischen Ebene in Brüssel anzuzeigen.

    2. In diesem Jahr haben somalische Piraten trotz der Präsenz von Navyschiffen zahlreiche Handelsschiffe angegriffen und in ihre Gewalt gebracht. Welche Erfolge kann die Mission Atalanta vorweisen?

    So erfolgreich, wie von Ihnen unterstellt, waren die Piraten nicht. Es ist richtig, dass wir insbesondere im Frühjahr 2009 eine Zunahme von Piratenüberfällen in dem riesigen Seegebiet, in dem wir operieren, feststellen mussten. Dem muss aber die Anzahl erfolgloser Piratenüberfälle gegenüber gestellt werden. Wenn man beide Zahlen ins Verhältnis setzt, hat der Erfolg der Piraten abgenommen. Aber jedes Handelsschiff, das in Piratenhände gefallen ist, ist natürlich ein Schiff zuviel.
    Zu 100 Prozent erfolgreich waren wir beim Schutz der Schiffe des Welternährungsprogramms, einer unserer Hauptaufgaben. Unter dem Schutz von EU NAVFOR ATALANTA hat es noch keinen erfolgreichen Piratenüberfall auf eines dieser Schiffe gegeben.

    3. Mit welchen Vorgehensweisen wurden diese Erfolge erzielt?

    Die Sicherheit im Golf von Aden konnte einerseits durch eine intensivere Überwachung dieses für die Handelsschifffahrt bedeutsamen Seegebietes verbessert werden. Zum anderen folgen immer mehr Handelsschiffe den von uns gemeinsam mit der internationalen Schifffahrt ausgearbeiteten Verhaltensregeln zur Abwehr von Piratenüberfällen. Das gibt den im Seegebiet operierenden Marineeinheiten wertvolle Zeit, nach Eingang eines Notrufes dem bedrängten Handelsschiff zur Hilfe zu eilen. Und wenn Kriegsschiffe und Hubschrauber zeitig zur Stelle sind, haben die Piraten verloren. Wurden sie dabei noch auf frischer Tat ertappt, können sie mit Aussicht auf Erfolg einer späteren Verurteilung zugeführt werden.

    4. Wie viel Prozent der Handelsschiffe nutzen die Eskortierung durch Marineschiffe?

    Ich möchte Ihre Frage ein wenig anders beantworten. Eskortiert werden grundsätzlich nur Schiffe des Welternährungsprogramms. Für uns ist es wichtig, dass sich der Handelsschiffsverkehr, der die Gewässer um Somalia passiert, beim Maritime Security Centre - Horn of Africa (MSC HOA) anmeldet. Dann wird jeweils lageabhängig entschieden, wie das betreffende Handelsschiff am besten geschützt werden kann. Bis jetzt haben wir eine Meldequote von 65% erreicht, Tendenz steigend. Und das bei mehr als 20.000 Schiffen, die pro Jahr den Golf von Aden passieren. Ich darf in diesem Zusammenhang auf unsere Internetseite www.mschoa.eu verweisen, auf der Verhaltenshinweise gegeben werden und wo beispielsweise das Meldesystem für Schiffsbewegungen implementiert ist.

    5. Lässt sich das Piratenproblem auch ausschließlich durch Seeoperationen in den Griff bekommen?

    Nein, das wäre eine Illusion, dieses zu glauben. Die Ursachen für die Piraterie vor den Küsten Somalias liegen an Land, sie sind begründet in dem Zerfall staatlicher Strukturen durch einen jahrelangen Bürgerkrieg. Gefordert ist hier eine gemeinsame zivile und militärische Anstrengung, Schaffung staatlicher Strukturen an Land, Eindämmung der Piraterie auf See. Gerade daher ist für EU NAVFOR der Schutz des Welternährungsprogramms und damit die Basis einer Stabilisierung Somalias durch die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln von essenzieller Bedeutung.

    6. Wie viele Marineschiffe operieren vor der somalischen Küste? Reichen die eingesetzten Seestreitkräfte aus?

    An der EU-Operation ATALANTA sind in der letzten Zeit jeweils um die zehn Fregatten und Korvetten sowie drei Seeraumüberwachungsflugzeuge beteiligt. Darüber hinaus stellen auch die NATO und die unter US-Führung stehenden Combined Maritime Forces (CMF), sowie Länder wie Russland, Indien, China, Malaysia, um nur einige zu nennen, Beiträge zur Eindämmung der Piraterie. Diese Kräfte stimmen sich natürlich trotz unterschiedlicher Einzelaufträge untereinander ab. Dennoch ist das zu überwachende Seegebiet so gross, dass jedes zusätzliche Kriegsschiff willkommen ist.

    7. Welche weiteren Maßnahmen empfehlen Sie?

    Ich darf auf den gemeinsamen zivil-militärischen Ansatz zurückkommen. Von dem Problem der Piraterie sind ja nicht nur die internationalen Handelsrouten, sondern gerade auch die Anrainerstaaten Somalias betroffen. Diesen Nationen zu helfen, effektive Strukturen zur Sicherung nicht nur ihrer Küsten, sondern des gesamten Seegebietes aufzubauen, könnte ein Teil zusätzlicher Maßnahmen sein. Auch in Somalia selbst gilt es, Gebiete und Verantwortliche zu identifizieren, die zum Beispiel mit Hilfe der Europäischen Union zerstörte Sicherheitsstrukturen wie eine Küstenwache in ihrer Region wieder aufbauen wollen.

    8. Welche Formen der Kooperation gibt es mit anderen Missionen am Horn von Afrika wie z.B. der Combined Task Force (CTF) 150 und der CTF 151?

    Zwischen den im Seegebiet vor Somalia eingesetzten Kräften der EU, der NATO und der Combined Maritime Forces gibt es eine enge Koordination, insbesondere in dem zum Schutz der Handelsschifffahrt eingerichteten international anerkannten Transitkorridor. Die monatlich in Bahrain durchgeführten Shared Awareness and Deconfliction Meetings (SHADE) dienen darüber hinaus der Absprache aller an der Piratenabwehr beteiligten Nationen auf militärischer Ebene.

    9. Welche Kommunikation und Koordination gibt es zwischen den EU-Einheiten und anderen Marinen?

    Neben herkömmlichen internationalen Sprechfunkfrequenzen wird zur Kommunikation und Koordination zwischen den beteiligten Marinen das System MERCURY benutzt, das auf geschützter Internet-Technologie basiert und unter anderem Online-Chat ermöglicht.
    Dieses Kommunikations-System wird von Northwood aus zur Verfügung gestellt und ermöglicht den beteiligten Institutionen, auch in der täglichen Arbeit einen optimalen Schutz des Seegebietes sicherzustellen. Eingebunden sind dabei auch Länder wie China und Russland, die auf nationaler Basis operieren, und Organisationen wie das UK MTO in Bahrain.

    10. Wie lange wird Ihrer Ansicht nach die Operation Atalanta noch dauern?

    Das ist die 1.000 Euro Frage, die Sie mir jetzt stellen. Ich kann Ihnen dazu lediglich sagen, dass die Europäische Union überein gekommen ist, die ursprünglich für ein Jahr beschlossene Operation um ein weiteres Jahr zu verlängern.

    Das Interview führte Dr. Uwe Cardaun im Auftrag der Hamburg Messe



    Quelle: Hamburg Messe und Congress GmbH
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